Ich war wach
Für mich war eine Narkose nicht einfach nur ein Einschlafen und späteres Aufwachen.
Ich war während meiner Operation bei Bewusstsein. Ich konnte hören, was um mich herum geschah. Ich konnte wahrnehmen, dass Menschen an mir arbeiteten – und gleichzeitig konnte ich mich nicht bemerkbar machen. Ich konnte nicht einfach die Augen öffnen, sprechen oder sagen, dass ich wach bin.
Mein Körper war ruhiggestellt, aber mein Bewusstsein war da.
Dieses Gefühl, alles mitzubekommen und trotzdem vollkommen ausgeliefert zu sein, hat mich tief geprägt. Was für andere vielleicht nur ein medizinischer Eingriff war, wurde für mich zu einer Erfahrung, die weit über den Operationssaal hinausging.
Awareness hat mir gezeigt, dass man während einer Narkose wach sein kann, ohne dass es jemand bemerkt.
Mit dieser Homepage und meinem Buch „Ich war wach“ möchte ich aufklären, Bewusstsein schaffen und vor allem eines vermitteln:
Wer eine solche Erfahrung macht ist nicht allein.
Was bedeutet Awareness?
Awareness bezeichnet in der Medizin das bewusste Wahrnehmen der eigenen Person und der Umgebung. Im Zusammenhang mit einer Vollnarkose bedeutet intraoperative Awareness, dass ein Mensch während einer eigentlich vorgesehenen Bewusstlosigkeit unbeabsichtigt bei Bewusstsein ist und Vorgänge im Operationssaal wahrnehmen kann.
Betroffene können beispielsweise Stimmen, Geräusche, Berührungen, Druck oder Schmerzen wahrnehmen und sich nach der Operation daran erinnern. Manche erleben dabei auch große Angst, Hilflosigkeit oder das Gefühl, dem Geschehen ausgeliefert zu sein.
Awareness ist selten – für die Betroffenen kann sie jedoch eine tiefgreifende und belastende Erfahrung sein.

Wie häufig ist Awareness?
1-2 von 1.000 Allgemeinanästhesien jährlich sind betroffen
Schätzungsweise 13.000–27.000 Fälle pro Jahr nur in Deutschland
Schätzungsweise 13.000–27.000 Fälle pro Jahr
Awareness – das unbeabsichtigte bewusste Wahrnehmen während einer Allgemeinanästhesie – ist nicht so selten.
Aktuelle Fachliteratur geht bei Allgemeinanästhesien von einer Häufigkeit von etwa 0,1–0,2 % aus. Das entspricht ungefähr 1–2 von 1.000 Narkosen.
Für Deutschland lässt sich daraus anhand einer aktuellen Schätzung von rund 13,4 Millionen Allgemeinanästhesien pro Jahr eine Größenordnung von etwa 13.400 bis 26.800 möglichen Awareness-Episoden jährlich berechnen.
Wichtig: Diese Zahl ist eine wissenschaftliche Hochrechnung und keine offiziell erfasste Fallzahl. In Deutschland gibt es derzeit kein nationales Register, das alle Awareness-Fälle systematisch erfasst.
Quellen
- Hachenberg T, Scheller B. Akzidentelle Wachheit während Allgemeinanästhesie. 2023.
- IQWiG. Nutzenbewertung Remimazolam – Allgemeinanästhesie, Version 1.0, 26.03.2026.
- Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI), aktuelle Angaben zur Anästhesieversorgung in Deutschland.
- Sebel PS et al. The Incidence of Awareness During Anesthesia, Anesthesiology, 2004.
- Pandit JJ et al. NAP5 – Accidental Awareness during General Anaesthesia, British Journal of Anaesthesia, 2014.
Die möglichen Folgen von Awareness
Awareness kann weit mehr sein als die Erinnerung daran, während einer Operation wach gewesen zu sein.
Menschen, die eine Awareness erleben, berichten unter anderem von Stimmen, Berührungen, Druck, Schmerzen, Angst, Hilflosigkeit oder dem Gefühl, sich nicht bewegen oder bemerkbar machen zu können. Besonders belastend kann die Erfahrung sein, wenn eine sogenannte Muskelrelaxierung eingesetzt wurde und der Körper dadurch trotz Bewusstsein nicht reagieren konnte.
Die psychischen Folgen sind unterschiedlich. Manche Betroffene können das Erlebte nach kurzer Zeit verarbeiten und haben keine längerfristigen Beschwerden. Bei anderen bleibt die Erfahrung jedoch über Monate oder sogar Jahre belastend.
Eine der wichtigsten Untersuchungen zu diesem Thema ist das 5th National Audit Project (NAP5) aus Großbritannien und Irland. Von den gemeldeten Awareness-Fällen berichteten 51 % der Betroffenen von einer unmittelbaren Belastung. Bei 41 % wurden längerfristige negative Auswirkungen festgestellt. Diese reichten von Ängsten und Schlafproblemen bis hin zu Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS).
Besonders auffällig war der Zusammenhang zwischen während der Awareness erlebter Hilflosigkeit bzw. Lähmung und späteren psychischen Folgen. Auch Flashbacks, Albträume, erhöhte Ängstlichkeit, Schlafstörungen und das Vermeiden bestimmter Situationen – beispielsweise einer erneuten Narkose – wurden beschrieben.
Eine kleinere Studie untersuchte Menschen viele Jahre nach einer Awareness-Erfahrung. 9 von 16 untersuchten Betroffenen (56,3 %) erfüllten zum Zeitpunkt der Untersuchung die Kriterien einer PTBS. Häufig berichtet wurden dabei Hilflosigkeit, Angst, das Gefühl, nicht kommunizieren zu können und Schmerzen. Diese Studie ist allerdings aufgrund ihrer kleinen Teilnehmerzahl nicht geeignet, um daraus eine allgemeine PTBS-Rate für alle Awareness-Betroffenen abzuleiten.
Auch wichtig: Nicht jede Awareness führt zu einem Trauma. Eine andere kleine Langzeitstudie fand bei neun Betroffenen im Vergleich zu neun Kontrollpersonen keine Hinweise auf langfristige Unterschiede bei psychosozialem Befinden, psychiatrischer Erkrankung oder Lebensqualität. Das zeigt, wie unterschiedlich Menschen ein solches Erlebnis verarbeiten können.
Wenn aus wenigen Minuten eine jahrelange Erinnerung wird
Awareness ist deshalb nicht nur ein medizinisches Ereignis während einer Operation. Für manche Menschen endet die Erfahrung mit dem Erwachen – für andere beginnt damit eine lange Zeit der Verarbeitung.
Und genau deshalb sollten Betroffene mit ihrer Erfahrung ernst genommen werden.
Awareness kann psychische Folgen haben. Sie muss aber nicht zwangsläufig zu einer Traumafolgestörung führen. Jeder Mensch verarbeitet ein solches Erlebnis anders.
Quellen
- Pandit JJ et al. 5th National Audit Project (NAP5): Accidental awareness during general anaesthesia – patient experiences, psychological consequences and related factors. British Journal of Anaesthesia, 2014.
- Osterman JE et al. Awareness under anesthesia and the development of posttraumatic stress disorder. General Hospital Psychiatry, 2001.
- Leslie K et al. Posttraumatic stress disorder in aware patients from the B-Aware trial. Anesthesia & Analgesia, 2010.
- Samuelsson L et al. Psychological consequences of awareness and their treatment. Best Practice & Research Clinical Anaesthesiology, 2007.
- Blomsma SA et al. Long-term psychosocial outcomes after intraoperative awareness with recall. Anesthesia & Analgesia, 2014.